Stell dir mal vor es ist Wahl-Flashmob, und du gehst hin!
Donnerstag, 17. September 2009Anti-Atom Flashmob auf der CDU-Wahlveranstaltung in Osnabrück. Ein Erfahrungsbericht von Björn Fröndhoff (ergänzt um einen Link im Anschluss)
Gab es schon mal einen Flashmob in Melle? Naja, es gab mal einen in Osnabrück, als ich dort gewohnt habe. Aber ich habe erst im Nachhinein von der Riesen-Kissenschlacht gehört. Was ist ein Flashmob? Ein Flashmob ist ein meist spontanes Zusammenkommen von Menschen, die sich nicht kennen müssen, aber gemeinsam eine kurze Aktion durchführen, die große Aufmerksamkeit erregt.
Die CDU Plakate in Melle weisen darauf hin: Am 17.09.09, zwei Wochen vor der Wahl, besucht Karl-Theodor zu Guttenberg, der Shooting Star der CSU, den Osnabrücker Marktplatz. Und ich weiß: Atomkraftgegner planen dafür einen Flashmob. Aufstehen für eine wichtige und gute Sache und dabei Spaß haben? Da mach ich mit!
Die Aktion ist simpel: Wir wollen uns nach dem ersten Rede-Applaus in der Guttenberg-Rede als schwarz.gelb Fans ausgeben. Wir werden ein Plakat halb aufklappen, auf dem schwarz auf gelb „Jawoll!“ zu lesen ist. Das ganze werden wir dann 30 Sekunden nach vorne zum Redner und 30 Sekunden nach hinten zu den Zuschauern zeigen. Anschließend wiederholt sich das ganze mit einem komplett entfalteten Plakat. Das zeigt: Schwarz.gelb – Atomalarm“ mit einem Atomsymbol oder einem Atomfass darunter. Wieder werden wir das ganze für 30 Sekunden nach vorn und 30 Sekunden nach hinten zeigen. Also zwei Minuten Aufmerksamkeit pur. Der Veranstalter – der Verein „Campact – Demokratie in Aktion“ - hofft: „Das bringt selbst erfahrene Redner aus dem Konzept. Wir zwingen die CDU etwas zu einem Thema zu sagen, wozu sie oft schweigt.“ Da bin ich skeptisch...
45 Minuten vor Veranstaltungsbeginn haben sich bereits 40 Atomkraftgegner ihr Plakat vor dem Dom geholt. Das sind angeblich mehr als in Bremen. Aber: Häufig haben die Redner von der Aktion erfahren. Also sollen wir jetzt ein Zeichen abwarten, so dass die Aktion nicht zu dem Zeitpunkt startet, wo der Redner sie erwartet.
15 Minuten vor Veranstaltungsbeginn begeben wir uns einzeln und unauffällig unter die Menge. Hier treffen wir auch auf wütende Milchbauern, die auf Kuhglocken herum hämmern und auch Plakatezeigen wie „Keiner mit 'ner Kuh wählt CDU!“. Daneben stehen die Piraten. Nach vorne kommt man nicht, denn dort sind Sitzplätze für Bedürftige und Mitglieder. Sollten wir nicht von vorn ein Zeichen kriegen?
Um kurz nach vier geht es los. Zu Guttenberg wird natürlich von Ministerpräsident Wulff begleitet und der Niedersächsische Justizminister Busemann wird auch noch aufgefahren. Von der Leyen kann nicht, die Menge sagt „oooohhh“.
Während der Rede von Wulff outen sich die Menschen um mich herum als CDU-Sympathisanten und Mitglieder. Ein grober und unverschämter Vordrängler wird hart in die Seite gepiekt und angestuppst. „Hallo, Sie Rüpel, gehen Sie zurück, die Damen sehen nichts!“ Werde ich etwa gleich nach Start der Aktion verprügelt?? Mir wird klar: Ich stehe nicht unter Unterstützern und nun pocht mein Herz doch etwas vor Aufregung. Ich sehe keinen der ein Zeichen geben könnte. Wer gehört eigentlich dazu und wer nicht? Was wird passieren? Welche Reaktionen kommen? Klappt der Flashmob?
Zu Guttenberg fängt an und schwafelt 4 Minuten Danksagungen und Lob auf Wulff und Schmeicheleien auf Niedersachsen und Osnabrück. Plötzlich geht's los. In der unübersichtlichen Menge hält jemand ein Poster hoch. Ich klappe wie viele andere direkt die falsche Seite auf und zeige nicht „Jawoll!“, sondern „Schwarz-Gelb – Atomalarm“. Das nennt man Outing! Tapfer halte ich die Message nach vorn. Und einige verbiegen Ihren Hals. „Was steht da?“ Die CDU-Schwärmerin neben mir ist empört und hält Ihre Handtasche davor. „Sie wissen, wen ich wähle, nicht? Machen Sie doch Ihre eigene Aktion, dann nehmen Sie keinem dem Platz weg“ sagt sie zu mir. Im drehe ich mein Plakat nach hinten. Die Handtasche fällt.
Nach 30 Sekunden drehen wir alle unsere Plakate um, 50 Plakate klaffen in den Himmel.
Zu Guttenberg kann die Aktion nun nicht mehr ignorieren, denn die Menge ignoriert nicht. Er lässt sich nicht verunsichern und sagt: „Und eines sage ich klar: Ich habe Respekt vor der anderen Meinung, wie viele Sie hier gerade kundtun.“
Die Frau, die gerade noch Ihre Handtasche vor mein Plakat hielt, sagt: „Der tritt nicht nach, ist ja toll!“. Ich erwidere: „Von dem können Sie noch was lernen, gut dass Sie hier sind!“ Zu Guttenberg lädt alle ein, die Piraten, die Milchbauern und die Atomkraftgegner, nach der Veranstaltung zu ihm zu kommen und Meinungen auszutauschen. Danach fährt er mit seiner Tagesordnung fort. Ich drehe mein Plakat nochmal zum Guttenberg und halte es weiter tapfer hoch. Ein sympathischer Herr klopft mir auf die Schulter. „Das war eine tolle Aktion, aber nimm es jetzt runter, ich möchte gerne was sehen.“ Ich tu ihm den Gefallen.
Wie abgesprochen verlassen wir jetzt die Menge. Einige werden noch andere Plakate holen, wie „Eltern haften für ihre Kinder!!“, um weiter Stellung zu beziehen. Ich finde das toll. Aber ich wollte mit einem Flashmob Stellung beziehen und das hab ich getan. Ich fahre jetzt nach Hause.
Was hat es gebracht und warum bin ich überhaupt hin? Zu Guttenberg hat sich nicht aus dem Konzept bringen lassen und die Frage der Endlagerung von Atommüll, die seit 4 Jahren CDU/CSU geführter Bundesregierung noch immer nicht gelöst ist, bleibt offen. Der anwesende CDU-Wähler ist nicht schlauer und auch nicht besorgt. Und Zu Guttenberg wird auch heute nicht beantworten, was aus der Atomkraft, aus Gorleben und Asse, werden soll. Der Wischi-Waschi Wahlkampf der Parteien und damit meine ich jede, geht unvermindert weiter.
2005 war eine Richtungswahl. Damals haben die Parteien uns das klar gesagt. 2009 ist eine Richtungswahl, und die Parteien verschleiern das zu stark. Warum weiß ich nicht.
Aber eines weiß ich gewiss. Es hat Spaß gemacht, Teil einer aufgeweckten jungen Truppe zu sein, die für 2 Minuten auf etwas aufmerksam gemacht hat, worüber nicht geschwiegen werden darf. Und wenn ein einziger Wähler sich aufgrund einer solchen Aktion entschließt, auch die andere Seite zu beleuchten und sich bei der Wahl auf jeden Fall für die eine, oder die andere Seite zu entscheiden, dann hat sich diese Aktion gelohnt. Denn nichts ist wichtiger als zu so wichtigen Themen wie der Atomkraft eine Meinung zu haben, und diese bis zum 27.09. in ein Kreuz zu fassen. Mischt euch ein, geht wählen!



Aber sie zeigt auch: die großen Parteien wollen keine Inhalte transportieren, an die man sie später erinnern könnte.
Merkel und Steinmeier glauben es sich sogar leisten zu können, Diskussionen im TV mit allen Parteien abzusagen. Nur Waschmittel-Werbungs-Statements sind noch gefragt.
Erbärmlich, was uns CDU und SPD bieten.